ist es das, was du siehst oder siehst du das, was es ist. Aquarell auf Bütten, 12 cm x 17 cm, Ausschnitt


Prof. Hermann Sturm zur Ausstellungseröffnung am 22.9.2012
kunst im klattendiek, Bremen


ist es das, was du siehst, oder siehst du das, was es ist?
Diese Frage ist Thema dieser Ausstellung und sie ist auch
der Name einer Bilderserie von Gunhild Tuschen.

Was sehe ich? ist die gängige Frage, die wir uns gewöhnlich beim Betrachten von Bildern stellen. Roland Barthes hat dazu einmal gesagt, es sei »nie naiv (trotz der Einschüchterungen der Kultur, vor allem der spezialisierten Kultur), sich angesichts eines Bildes zu fragen, was es darstellt.« [Roland Barthes, Cy Twombly, Deutsch von Walter Seitter, Berlin:Merve, 1983] Der Sinn klebe am Menschen: »auch wenn er Unsinn oder Außersinn schaffen« wolle, produziere er schließlich »den Sinn des Unsinns oder Außersinns.« So viele Menschen hätten (auf Grund der Kulturunterschiede) den Eindruck, »vor einem Gemälde ‚nichts zu verstehen’, weil sie Sinn wollen und weil ihnen das Bild (denken sie) keinen gibt.«
[Ebd., S. 76]

Nun tragen die meisten Bilder, die wir hier sehen, Titel, das heißt sie machen uns ein Angebot, Sinn und Bedeutung im Bild zu finden und zu sehen. Aber der Titel: Ist es das, was Du siehst, oder siehst Du das, was es ist? verunsichert uns sogleich. Wie können wir sicher sein, dass es das auch ist, was wir da sehen?

Betrachten wir die kleinformatigen Blätter dazu, 12 x 17 cm, auf Bütten mit Feder, Tusche und Aquarellfarbe, die diesen Titel tragen. Die Bilder stellen an mich die Frage, was ich denn da sehe. Ich sehe vor sommerlichem lichtblauen Himmel geschrumpelte Blätter, eingetrocknete Früchte auch; oder kleine Holzstückchen, vielleicht vom Olivenbaum, geschieferte Steine, oder… Aber ist es denn das, was ich zu sehen meine? Ich sehe gleichzeitig fast transparent erscheinende, hellblaue Flecken, die partiell von schwarzen, bewegten Linien eingefasst oder auch überschnitten werden. Ich spüre den taktilen Reiz des Bütten-Papiers. Ich nehme die Materialität des Bildes wahr und merke, dass diese Aufmerksamkeit drauf, Wie es gemacht ist, meine Gedanken nicht stört, eher beflügelt.

Ähnliches geschieht bei der Betrachtung der ebenfalls kleinformatigen, wunderbar leichtatmigen Serie BORGOMARO (Aquarell, Kreide auf Bütten, 12 x 17 cm) von 2011. Wie ein luftiges Spiel von Schatten auf trockenem Boden unter blauem Himmel zeigen sich Formen, vielleicht ein roter Haken dazwischen. Oder es hängen auf einer Reihe von Blättern im Wind flatternde Hemdchen auf einer Leine. Sie verwehen vor wetterdunklem Blau.

Gunhild liebt es – wie sie sagt – »zu skizzieren (sie hat Skizzenbücher im Gepäck) und das Schnelle, Flüchtige, Lebendige der Aquarelle«, oder auch »im Halbschatten ein Plätzchen suchen und aquarellieren/zeichnen ... wunderbar«.
Dabei entstehen Bilder, die etwas sichtbar machen. Es ist nicht unbedingt das als Gegenstand Vertraute, das aber nicht ausgeschlossen ist. Es ist das, womit sie umgeht, der Farbfleck, der sich transparent oder opak ausbreitet, seine Form aus der Farbfüllung des Pinsels und seinem Duktus gewinnt; da ist der körnige und bröselige Kreidestrich, die Linie, mit Blei- oder Wachskreide von leichter Hand gezogen, sie bleibt porös und doch bestimmt.

Wir nehmen das Flüssige, Leichte der Aquarellfarbe, den Duktus des Pinsels, das Gerinnen der Oberfläche wahr und sehen, was das ist, der Kreidestrich, die dünn gezogene Linie des Bleistifts, die Farbe, und können so die Lust des Machens nachvollziehen. »Das Gute ist leicht« hat Nietzsche einmal angemerkt.
Sehen was es ist, bedeutet immer auch die Materialität und das Wie es gemacht ist zu sehen. Beides bewirkt und ist Grund für Assoziationen, die dadurch freigesetzt werden und begründen, was ich sehe.

Ein Gemälde sei wie ein »Anspielungsfeld«, sagt Roland Barthes zu den Gemälden von Cy Twombly, und das gilt hier gleichfalls für die Bilder von Gunhild Tuschen. Die »rhetorische Figur der Anspielung besteht darin, daß man eine Sache sagt, um eine andere heraushören zu lassen.« Und in solchen Feldern der Anspielung wird der Farbfleck, wird das grafische Zeichen für den Betrachter nachvollziehbar zur Geste, als sichtbare Aktion, wird zu einer Tätigkeit, die für die Wahrnehmung des Betrachters anschaulich wird. [dazu: Barthes a. a. O., S. 24, 30] Er spürt, so zu sagen, die körperliche Nähe der Künstlerin.

Das trifft insbesondere für eine Gruppe von Bildern zu, die uns »ohne Titel« begegnen. Man könnte sie unter dem Begriff Grapheme fassen. Es sind Schriftzeichen-artige Kürzel, ohne jedoch selbst Schrift zu sein. Lesbar sind sie als gestische Vergegenwärtigung des Selbst, dynamische Aufzeichnungen – wie etwa im Bild »Meine Gedanken kreisen«.

Oder die Reihe der Preußischblau-Bilder. Gunhild Tuschen sagt dazu u. a.: »Wichtig ist mir die Strenge und Kraft der Preußischblauen auf der einen Seite, das Lebendige, Fließende, Leichtere ... sich weniger 'wichtig' nehmende auf
der anderen ... zwei Eckpunkte, Markierungen, zwischen denen ES leben kann; und dann ist da noch und sowieso der weite Raum dazwischen ... alles ist in Bewegung und will betrachtet und befragt werden, da ist der suchende, fragende Strich, dann sehr klar, beinahe zwingend, die Setzung ....«
In einer quadratischen tiefblauen, – Preußischblauen – Tafel (o. T., Öl auf Leinwand, 65 x 65 cm, 2009) »regnen« Striche, eingekratzt in die Farbmaterie, von rechts oben nach links unten, und der Betrachter spürt die Nähe der ausführenden Hand, ja des Armes als körperliche Bewegung. Ein Gestöber von Linien, so scheint es, aber die ausführende, spontan erscheinende, die lineare Kontinuität vorantreibende Geste ordnet – wie von selbst das Liniengespinst dynamisch zum Ganzen im quadratischen Feld, das die Handlung äußerlich begrenzt. Ähnliches gilt auch für die linearen Einschreibungen in weiteren Bildern der Serie Preußischblau.

Verdichtungen von Linien und Farbflecken schieben sich im Bild Korsage_Kontext, Blau, Haut (Öl auf Leinwand, 140 x 140 cm, 2010) ineinander, übereinander. Gewöhnlich hält für eine solche Erscheinung die Kunstgeschichte den Begriff des Palimpsestes bereit. Das will besagen: Es ist der Vorgang des Wiederbeschreibens eines bereits beschriebenen Blattes. Hier sind es unterschiedliche Farbflächen, lineare Gespinste, die sich überlagern, ineinander schieben, durchsichtig auf Darunterliegendes verweisen. Der Titel Korsage ist wiederum ein Angebot, ein Impulsgeber, sich auf ein Anspielungsfeld zu begeben und sich von Assoziationen treiben zu lassen und doch immer wieder Halt in der Ordnung des Bildgeschehens zu finden; zum Beispiel lineare Netze und Begrenzungen gegen freies Linienspiel über der Intensität der Farbflächen, sich möglicherweise auf den Namen des Bildes hin auszudeuten. Und auch hier ist es wiederum das Quadrat, das als expliziter Ordnungsrahmen, als Feldbegrenzung auftritt.

Aber in der Reihe der Preußischblauen Bilder mit dem Untertitel (ich übersetze) Der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht lassen in fortlaufenden, schmalen, mit Pinseldruck an Pinseldruck ungleich parallel gereihte Streifen das Format im blauen Dunkel vibrieren. Hier scheint sich aber ein Widerstand gegen die formale Begrenzung des quadratischen Rahmens auszubilden, der im hellen Ausfransen oder auch Ausbrechen der Ränder sichtbar wird.
 
In die Farbfelder sind wiederum helle Linien eingeschrieben, die zart oder auch heftig sich über die Fläche bewegen. Bei einigen Bildern der Reihe Der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht sieht man – bald vage, bald deutlich eingezeichnet und zuweilen in einem Linienregen aufscheinend, einen Krug,
den Krug von dem der Name des Bildes spricht.

Noch einmal Roland Barthes über Cy Twombly, aber auch hier passend: »Die Namen sind wie die Krüge, von denen in Tausendundeiner Nacht irgendwo die Rede ist: Geister sind darin eingesperrt; öffnet oder bricht man den Krug, so kommt der Genius heraus, erhebt sich, verunstaltet sich wie ein Rauch und erfüllt die ganze Luft. Bricht man den Titel, so entweicht das ganze Bild daraus.«
[Barthes, ebd., S, 71]  

In einem Bild der Reihe, schließen zwei gespannte Linien eine tiefblaue Fläche, sozusagen den Inhalt des Kruges ein. Alles ist in Ruhe, wenn auch leicht verunsichert oder gefährdet durch die ausfransenden Bildränder und am Rand von oben nach unten verlaufende unruhige Linien, wie überlaufendes Wasser.

In einem anderen Bild dieser Reihe ist der Krug zerbrochen, geplatzt, berstendes Chaos scheint auszubrechen; oder bilden sich die Lineamente zum vagen Bild eines (Toten)-Schädels aus?

Und da sind dann noch die Monochromen Bilder. Gunhild Tuschen hat dazu angemerkt: »Die reinen Farben, die (eher) monochromen Bilder sind für mich wie eine Zitrone am Essen ... 'in between'/tussen /zwischen ... auch Reinigung, Waschanlage für die Augen, Klärung  .. ich liebe es, zwischendrin so zu malen.«
Damit deutet sie etwas an, was wir auch als die freie Bewegung und Beweglichkeit auf dem Anspielungsfeld der Bildfläche beschreiben könnten.

Schließlich will ich noch ein Bild zur besonderen Betrachtung empfehlen, es ist eine Selbstdarstellung: »ICH« (65 x 65 cm, 2012). Auf einem quadratischen Feld erkennen wir in einer intensiv-roten Fläche eine Figur, die in die Betrachtung eines Stuhls versunken scheint. Man könnte vielleicht sagen, es sei ein Paradigma der künstlerischen Haltung von Gunhild Tuschen: die gegenständliche Welt betrachten, und sie mit den ihr eigenen Mitteln, der spezifischen Materialität (Farbflächen, Linien) und Artifizialität darstellen: Voller Vitalität und Wärme, mit klarem, hellen Blick – über der großen roten Figurenform züngelt ein klares, helles Blau – mit einen solchen Blick
auf eine scheinbar so bestimmte Wirklichkeit, wie die eines Stuhls,
das führt in Die Frage zurück:
Ist es das, was Du siehst, oder siehst Du das, was es ist?




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