Rede zur Ausstellungseröffung
„zufällig sind wir geworfen wenig trennt uns“ - Gunhild Tuschen
BBK Galerie Oldenburg von Norah Limberg, 29.03.2026
Sehr geehrte Lioba Müller, sehr geehrtes Team des BBK Oldenburg, Sehr geehrte und liebe Gäste,
wie schön, dass Sie – vielleicht ganz zufällig, vermutlich aber geplant – hergefunden haben. Ich frage mich: Was haben Sie erwartet, als Sie sich dazu entschieden haben zu kommen? Welches Bild, welche Vorstellung hatten Sie von der Ausstellung? Und: Suchen Sie hier etwas?
Vielleicht hofften Sie auf sonntägliche Zerstreuung durch gute Malerei. Bestenfalls intensive Moment mit der Kunst. Auf inspirierende Gespräche, alte Bekanntschaften, etwas Unterhaltung. Vielleicht hat Sie auch der Titel neugierig gemacht: zufällig sind wir geworfen wenig trennt uns.
In der BBK Galerie geht’s um zeitgenössische Kunst – so war für Sie erwartbar, dass Malereien einer zeitgenössischen Künstlerin gezeigt werden – GUNHILD TUSCHEN. Manchmal, wenn ich Ausstellungseröffnungen mit zeitgenössischen Positionen besuche, so will ich auf keinen Fall die Eröffnungsrede verpassen – in der Hoffnung und Erwartung, dass sie mir etwas mehr erklärt über Kunst, die ich nicht verstehe.
Denn gerade Werke, die einen konzeptionellen Ansatz haben, entziehen sich meinem Sehen: Ich verstehe manchmal nicht, was das soll. Was sehe ich da eigentlich? Was will dieses Bild von mir? Was soll ich von dem Bild wollen? Und warum soll das interessant sein? Auf der Suche nach der Bedeutung des Werks, bleibt mir die Kunst verschlossen.
Zum Glück gibt’s Roland Barthes, der sagt: es sei »nie naiv (trotz der Einschüchterungen der Kultur), sich angesichts eines Bildes zu fragen, was es darstellt.«
Es sei das Paradoxon schlechthin in der menschlichen Ordnung, dass normalerweise alles sofort mit Sinn aufgeladen wird.
Und zum Glück setzen die hier gezeigten Werke von Gunhild Tuschen nicht bei der eben geschilderten überformenden Sinnproduktion an, sondern weit davor: quasi kurz hinter Null – bei der reinen Wahrnehmung, bevor etwas aufgeladen wird mit Zeichen, Sinn oder menschlicher Ordnung. Es gibt keine Eindeutigkeiten, es gibt nichts zu verstehen. „Keine Figur, kein Objekt, keine eigentliche Form und keine Botschaft.“ Dem abstrakten
Expressionismus verbunden, destilliert Gunhild Tuschen ihre künstlerische Praxis auf das Zusammenspiel von Bildträger, Material und Geste.
Ich muss Sie also leider enttäuschen, falls Sie gehofft hatten in den hier zu sehenden
Malereien ein Prinzip menschlicher Ordnung zu finden oder eine bild-immanente Botschaft erkennen zu können. Denn die Malereien von Gunhild Tuschen sind mehr ein Angebot, sich der Wirkung von Linien, Flächen und Farben hinzugeben -- Und den eigenen Empfindungen, die dadurch ausgelöst werden.
Ich muss Sie genauso enttäuschen, wenn Sie meine Rede hören, damit ich Ihnen das Werk erkläre – das möchte ich nicht. Denn Gunhild Tuschen zeigt uns Bilder, die abrücken von einem kognitiven Begreifen und sich ganz der eigenen sinnlichen Sensation hingeben.
Die kommenden Minuten können wir am besten als kleine Aufwärm-Übung begreifen für das Erleben der Arbeiten von Gunhild Tuschen: Ihre eigene Betrachtung, für die Sie erst einmal gar nichts brauchen, außer Ihre Wahrnehmung.
Unser Warm-Up beginnt mit dem Körper-Sein.
Spüren Sie Ihre Füße? Das ist gut für den Anfang. Ich wette mit Ihnen, dass mindestens 50% der hier Anwesenden schon einmal Yoga gemacht hat – dann wissen Sie, wie es geht: Sich auf das Ein- und Ausatmen zu konzentrieren. Raum zu schaffen, damit das Außen das Innen erreichen kann.
Einen Körper haben.
Einen Körper, der sieht: Warm-Up, Level 2: Was sehen wir?
Wir sehen Leinwände, auf die Gunhild Tuschen mit Pigmenten und teils mit Kreiden gearbeitet hat. Farben, die mit expressiven Ganzkörper-Bewegungen aufgetragen wurden. Farben, die als flirrende Linien über die Bildfläche zucken oder geschlossene Formen bilden - die sich auf der Leinwand begegnen, sich überlagern und neue Situationen hervorbringen. - die sich abstoßen, in Kontrast treten oder ergänzen. Und die hier über die Bildflächen hinaus im Raum zusammenwirken.
Wussten Sie, dass es so etwas wie eine Art globale Farbsprache gibt? Preußischblau, zinoberrot, chromoxidgrün, cadmiumgelb. Eine Studie im Bereich Emotionsforschung der Mainzer Universität hat in 2020 verglichen, welche Emotionen Farben in über 50 Ländern auslösen. Menschen weltweit sind sich größtenteils einig, was Farben bedeuten – wenig trennt uns. Es sind Farbqualitäten, die uns allen vertraut sind – und die wir assoziieren mit Erlebnissen, Eindrücken und Gefühlen.
Betrachte ich die Bilder, sehe ich die Art des Farbauftrags - den Entstehungsprozess: Wie Gunhild Tuschen mit kratzendem Graphitstift oder schlotzig-schmatzendem Pinsel über die Leinwand schwingt.
Die gestischen Pinselstriche setzen meinen Blick in Bewegung, ich husche von einer Ecke zur nächsten, dabei, die Schraffuren oder Kreuzungen von Linien zu entdecken. Unruhige, elektrisierte, zuckende Pfade in tanzenden Bewegungen. Pinselstriche – wie eine Verlängerung von Gunhild Tuschens Körperbewegungen – verdichten sich zu Flächen. Ihre Arbeiten bestehen aus Brüchen, Lagen, Durchblicken, Schichten, Kanten --- und Leere.
Ihre Bilder wirken auf mich wie der geglückte Versuch, aus vorgeformten Gedanken, Bildern und Erwartungen herauszutreten.
Wie ein nonverbaler Ausdruck für diese Diffusion, mit der wir alle leben: zwischen dem, was außerhalb unserer Haut passiert, in Beziehung zu dem Innerhalb unserer Haut.
Wo beginne ich und wo endet meine Umgebung? Was strömt in mich hinein und was davon wieder heraus, auf das Bild?
Es ist wie ein Stretchen, ein Überdehnen des eigenen Seins auf den Bildträger hinüber Sowohl bei der Betrachtung als auch im Entstehungsprozess. Der Körper der Künstlerin, ihr Erleben sind durch ihre Bewegungen dem Bild einverleibt.
Kommen wir zum dritten und vielleicht anstrengendsten Teil unseres Aufwärmens: Der Sinnfrage. Wir wissen von Roland Barthes: Sinnfragen in der Kunst sind menschlich – wir können sie also leider nicht ganz des Spielfeldes verweisen.
Was macht ein Bild in mir, das ich sehe, das mir aber nichts zu verstehen geben will – keine Zeichen, keine Erkenntnis, keine Logik, nichts, dass ich begreifen muss, um ein Werk zu erfassen? Es schafft Raum für mich. Ich kann alles sehen und nichts – Die Bilder bedeuten im Moment der Betrachtung genau das, was ich ihnen an Bedeutung geben will. Sie tragen für unsere Auseinandersetzung mit ihnen also in sich, was wir in uns haben und womit die Bilder in Resonanz gehen – nicht mehr und nicht weniger. Wir sind auf uns zurück geworfen.
Und doch eröffnen die Bilder in der Betrachtung auch eine nonverbale Kommunikation mit der Künstlerin, denn wir sehen ihre Spuren.
Sie sind entstanden aus dem, was Gunhild Tuschen in sich hatte.
Wenn Sie mit Gunhild Tuschen sprechen, werden Sie vielleicht merken, dass ihre Arbeiten auch eine politische Dimension haben:
Sie spricht von Wut, von Schmerz, von feministischen Kämpfen, von Leichtigkeit, letztendlich von Lebendigkeit. Ihre Serie „preußischblau“ trägt den erweiterten Titel in Klammern: (was sind wir Menschen dumm). Sie schreibt darüber: „Wir wissen um die Zusammenhänge und können doch nicht aufhören, so zu tun, als wüssten wir nichts davon. Wir bestätigen uns in unseren Wiederholungen. Jeden Tag. Wir zerstören die Welt, uns. Wissend, mit offenen Augen. Das kratzt mich.“ Hier führen ihre Arbeiten in eine gesellschaftspolitische Dringlichkeit, die sie in ihrem Malprozess ausagiert. Aus den gesellschaftlichen Eindrücken – wir können ihnen nicht entkommen, ob wir wollen oder nicht - wird die Unausweichlichkeit des künstlerischen Ausdrucks.
Damit sind ihre Werke radikal. In der Bejahung zur Lebendigkeit und in ihrer Aktualität:
Wir erleben aktuell eine unfassbare Spaltung unserer Gesellschaft - nach Herkunft, nach Geld, nach sozialer Stellung, nach Geschlecht. Dabei sind wir doch eigentlich rein zufällig dort geboren, wo wir sind – und doch tun wir so, als hätten wir unterschiedliche Rechte auf Leben. Wir sehen Kriege und Gräuel, die jenseits unsere Vorstellungskraft liegen. Krisen werden rationalisiert. Ent-Emotionalisiert, Ent-körpert.
Um in dieser Situation nicht in eine kollektive Lähmung zu fallen, brauchen wir
Katalysatoren – nicht, um Katastrophen und Krisen zu verdrängen, sondern um sie mit all dem Schmerz, dem Zorn und der Fassungslosigkeit durchleben zu können. Umso wichtiger, sich der Kunst - und in diesem Fall - dem Erspüren von Expressionen hinzugeben. Und hier liegt dann doch der Sinn in den Werken von Gunhild Tuschen, wenn Sie sich einen wünschen: Sie sind eine Hommage an Regung und Bewegung, an Sensation und Vibration – an das Stretchen, Kratzen, Atmen, Spüren, Erleben. Ausdehnen und Diffundieren.
Ich hoffe Sie sind jetzt warm, gut vorbewegt für Ihre eigenen Erlebnisse mit den Werken von Gunhild Tuschen. Ich würde Sie bitten auf den Applaus zu verzichten und diese Stille und Konzentration der letzten Minuten zu halten und sich – wenn möglich auch leise – noch ein paar Momente ohne Nebenschauplätze ganz der Zwiesprache mit den Bildern zu widmen. Danke.